Los Geht's 2017

Kommune treffen, finden, gründen

Hintergrund

Kommunen gründen und/oder in einer leben? Warum? Und wie soll das gehen?

Wir alle wachsen in einer Gesellschaft auf, die von den verschiedensten Macht-und Herrschaftsverhältnissen geprägt ist. Wie sehr wir in unserem Aufwachsen und Leben mit diesen konfrontiert sind, von ihnen eingeschränkt werden oder davon profitieren, hängt stark von unserer jeweiligen Positionierung innerhalb dieser Verhältnisse ab.

Habe ich einen Abschluss, der in Deutschland anerkannt wird und Zugang zum Arbeitsmarkt? Habe oder hatte ich die Möglichkeit zu studieren? Komme ich aus einer Familie, die mich finanziell unterstützt und in schwierigen Lebenslagen absichern kann? Kann ich mich auf Wohnungs- oder Jobsuche begeben ohne Angst, dass ich schlicht auf Grund von diskriminierenden Zuschreibungen abgelehnt werde? Kann ich mich in der Stadt und auf dem Land frei bewegen, ohne Anfeindungen der Mehrheitsgesellschaft befürchten zu müssen? Erfahre ich regelmäßig, dass ich trotz meiner Expertise in diesem oder jenen Bereich nicht ernst genommen oder überhört werde? Und wer schmeißt hier eigentlich den Haushalt?

Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen, unter denen wir uns begegnen, bleiben im Alltag vielmals unhinterfragt und oft reproduzieren wir die gesellschafttlich hergestellte Ungerechtigkeit, aus Unwissenheit, weil es uns an Handlungsalternativen fehlt oder wir uns bereits mit ihnen arrangiert haben.

Als in linkspolitisch ausgerichteten Kommunen lebende Menschen wollen wir diesen Zustand nicht einfach hinnehmen.
Wir wollen das gute Leben für alle! Dem kommen wir nur ein Stückchen näher, wenn wir verstehen, dass die verschiedenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse miteinander verknüpft sind, nicht losgelöst voneinander betrachtet und aufgehoben werden können.
Seien es der kapitalistische Arbeitsalltag, in dem ein Leben unter Leistungsdruck, Konkurrenz und Selbstausbeutung als Normalität erscheint oder sexistische Normen, unter denen immer noch von Frauen* das Erbringen der gesellschftlich notwendigen Carearbeit erwartet wird. Oder seien es rassistische Zustände, die den Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe stark beschränken, beispielsweise auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder durch Ausgrenzung im Alltag.

Selbst wenn wir als Einzelne darin vielleicht sogar relativ gut zurechtkommen, widersprechen diese gesellschaftlichen Bedingungen unseren Vorstellungen vom guten, solidarischen und gleichberechtigtem miteinander Leben.

Genau deshalb verstehen wir Kommunen als politisches Projekt:

Wohlbewusst, dass wir uns nicht aus dem gesellschaftlichen Rahmen herauslösen können, wählen wir das Konzept der Kommune mit gemeinsamer Ökonomie, kollektiver Arbeit und unserem Verständnis eines solidarischen Zusammenlebens, um andere Praktiken miteinander zu erproben und Alternativen erlebbar zu machen.

Wir setzen dabei bei den kapitalistischen Strukturen wie ökonomischen Zwängen, entfremdeter Lohnarbeit, unterschiedlichen Zugängen zum Arbeitsmarkt, unterschiedlicher Entlohnung der selben Tätigkeit, klaren Besitzverhältnissen, der Norm kleinfamiliärer Strukturen und Wertungshierarchien von Arbeit an und wollen diesen etwas entgegensetzen. Für viele von uns bildet die Kommune darüber hinaus den ökonomischen und sozialen Rückhalt für weitergehendes gesellschaftliches Engagement.

In den kapitalistischen und diskriminierenden gesellschaftlichen Strukturen, haben die meisten von uns jedoch nicht selbstverständlich gelernt, in einer Gemeinschaft mit anderen ihr Leben zu gestalten, selbstbestimmt und auf Augenhöhe.
Daher ist das Ganze ein herausforderndes Unterfangen und es gilt gewohnte Muster zu hinterfragen, umzudenken, neue Formen von Verbindlichkeit und Bezugnahme zu versuchen, Dinge auszuhandeln und gemeinsame Prozesse zu gestalten.

Das Los Geht’s soll Raum bieten, sich mit diesen Fragen zu befassen und richtet sich an Menschen, die auch den Wunsch empfinden, genau dies zu tun: „anders“ leben als gesellschaftlich vorgesehen und gemeinsam mit anderen neue Wege erkunden und sich auf soziale Experimente einlassen.

Wie will ich eigentlich leben? Wie gründe ich eine Kommune? Welche Kommunen gibt es schon und wie sind diese aufgebaut? Welche Entscheidungen sollte eine Gruppe am Anfang klären bezüglich ihrer Grundsätze und ihrer ökonomischen und sozialen Ausrichtung? Welche Grundsätze und Strukturen können helfen, Selbstbestimmung und Hierarchiefreiheit zu verankern? Wie können Gruppenrozesse gestaltet werden? Auf welche persönlichen Herausforderungen stoße ich vielleicht, wenn ich in eine Kommune einsteige?

Das „Los Geht’s“ richtet sich zum einen an Menschen, die selbst eine politische Kommune gründen und aufbauen möchten und zum anderen an diejenigen, die in eine bereits bestehende Gruppe einsteigen möchten. Auch Gründungsgruppen, die Beratung und Anregungen gebrauchen können oder sich einfach mit anderen, denen es ähnlich geht, austauschen wollen, sind herzlich willkommen. Vorgefertigte Handlungsanweisungen wird es auf dem „Los Geht’s“ nicht geben, dafür aber jede Menge Erfahrungen, Anregungen und Ideen von Menschen, die selbst in unterschiedlich großen Kommunen im deutschsprachigen Raum leben.